Karoline Redler

Am 5. Oktober 1943 wurde Karoline Redler von der Bregenzer Gestapo abgeholt. Die Nazis ermorden sie am 8. November 1944 mit dem Fallbeil. Weil die Kapazität des Anatomischen Instituts mit den anfallenden Leichen des Nazi-Terrors überfordert war, wird sie auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt.

Inhumane Kriegsmaschinerie. Es geht hier den Nazis wenig um ideologische Auseinandersetzung oder um die Bekämpfung heldenhafter Zivilcourage oder gar Widerstandes, sondern um die von den Nationalsozialisten betriebene Verwandlung des alltäglichen Lebensraumes in zutiefst inhumane Kriegsmaschinerie und die Verwandlung der Mitmenschen in fanatisierte Mörder.

Wehrkraftzersetzung. Der Anlass scheint banal und nichtig. Am 24. August 1943 wartet die Bregenzerin Karoline Redler gemeinsam mit drei weiteren Patienten im Warteraum eines Arztes. Dort kommt sie mit zwei Frauen aus Lustenau ins Gespräch. Als sich diese über die ihrer Meinung nach barbarischen Luftangriffe der Alliierten empörten, soll Frau Redler festgestellt haben, dass das nur die Antwort auf die deutsche Kriegstreiberei sei. Zwei der Patienten erstatten volkstreu Anzeige, weil sich Frau Redler "wehrkraftzersetzend und landesverräterisch" geäußert habe. Am 5. Oktober wird Karoline Redler festgenommen. Bereits 60 Jahre alt erkrankt sie und kommt anschließend in das Sanatorium Mehrerau. Dort erfährt sie, dass ihr Sohn auf der Krim gefallen ist und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Frau Redler ist haftunfähig.

Hinrichtung. Doch nach dem 20. Juli 1944 brauchte es Opfer und Täter. So wurde Karoline Redler am 25. August 1944 - also fast genau ein Jahr nach ihrer Äußerung - neuerlich verhaftet und dem Volksgerichtshof beim Wiener Landesgericht überstellt. Dort wurde sie wegen "Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung" zum Tode und "Ehrenrechtsverlust" auf Lebenszeit verurteilt wird. Am 8. November 1944 wird sie unter der Guillotine hingerichtet.

Wiener Zentralfriedhof. Die Leichname der Hingerichteten werden dem Anatomischen Institut zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Bald arbeitet aber das Fallbeil der Nazis schneller als die Wissenschafter und müssen deshalb Hingerichtete wegen der überforderten Kapazität des Anatomischen Institutes auch direkt beerdigt werden. Um das Mördersystem zu veranschaulichen: 1938 erhielt das Anatomische Institut in Wien 1 Leiche, 1939 13, 1940 35, 1941 62, 1942 308, 1943 487, 1944 372 und 1945 81 Leichname von Hingerichteten. Und so schreibt der Vorstand der Untersuchungshaftanstalt Wien 1 am 8. November 1944 an die Verwaltung des Zentralfriedhofes: "Ich nehme Bezug auf die mit der Gemeinde Wien, städtische Leichenbestattung unter Dr. Rö/Z am 11.2.1943 getroffenen Vereinbarung und teile mit, dass nachbenannte zum Tode Verurteilte heute hingerichtet werden. Die Leichen werden durch die Gemeinde Wien in den Abendstunden, etwa 18 Uhr 50, von der ho. Untersuchungsanstalt in die gesperrte Abteilung des dortigen Friedhofs überführt und bitte ich die Beerdigung sofort durchführen zu lassen. Die Leichen sind den Angehörigen zur Beerdigung nicht freigegeben, es darf daher außer den Polizeibeamten an der Beerdigung niemand teilnehmen. Es handelt sich um: Friedrich Zach, Lukas Haslauer, Dioniz Kwistkowsky, Wasilio Fedkow, Johann Gärtner, Wilhelm Fritsch, Franz Hartl, Franz Dürauer, Rudolf Kozian, Roman Vodinsky, Theodor Ungar, Johann Pegrisch, Karoline Redler, Maria Kolar. Das Polizeiamt Simmering und die Geheime Staatspolizei ist von der Überführung von hier aus in Kenntnis gesetzt worden."

Karoline Redler (geb. Schwärzler) aus Bregenz war Geschäftsfrau, Mutter von drei Kindern und politisch und sozial sehr engagiert. Schon während des Ersten Weltkrieges war sie beim Roten Kreuz tätig. Später gründete sie den Verband katholischer Frauen und Mädchen, "die Guta", dessen Obfrau sie lange Zeit war. Außerdem war sie Funktionärin der Vorarlberger KFO (Katholische Frauen-Organisation), also eine über Bregenz hinaus bekannte und allseits geachtete Frau. Ihre politische und religiöse Überzeugung verleugnete sie nie, auch nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland bekannte sie sich offen dazu.

Vorarlberger Gedenkkultur. DieTafel am Geburtshaus Karoline Redlers (Pircher Haus) in der Bregenzer Rathausstraße, die in den 1960er Jahren von Karoline Redlers Neffen Paul Schwärzler angebracht wurde, verschwieg die Täter: "Karoline Redler, geb. Schwärzler, am 8. 11.1944 in Wien gestorben als Opfer der Gewalt." Das offizielle Bregenz hatte bis zum Jahre 1988 die Haltung Karoline Redlers durch keine einzige Geste honoriert. Die ihr zu Ehren benannte kleine Gasse beim Theater wurde 1998 wieder zurückgenommen, weil der neue Platz beim Kunsthaus dem ehemaligen Bürgermeister Tizian gewidmet wurde. Dafür wurde ein kleines Wegstück zwischen Wolfeggstraße und dem Thurn & Taxispark nach Karoline Redler benannt.



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